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Der Mensch hinter dem Arzt – ein Blick auf das Rollenbild der Götter in weiss

Aktualisiert: 29. Dez. 2023

Was ist ihr Bild vom Doktor, den Ärzten*, den Spezialisten für Krankheit, Heilung und Hoffnung? Wer sind die Menschen hinter den Rollen? Sind sie so privilegiert wie wir meinen und wird der hohe Stand, den sie in unserer Gesellschaft geniessen, ihrem Lebensalltag gerecht?

Welche hohe Anspruchshaltung muss man haben oder bereit sein sich auszusetzen, um den Beruf als Arzt zu wählen. Früher war es üblich, wenn man ein gutes Abitur/Matura hatte, dass man Arzt wurde. Oder einer der Eltern war in diesem Metier tätig und es wurde erwartet, in die gleichen Fussstapfen zu treten. Andere kamen aus Familien, die das Medizinstudium finanzieren konnten.


Einige haben schon früh ihr Herz an die Medizin vergeben. Die meisten mit denen ich gesprochen habe, sind dem Lauf des Lebens gefolgt. Ähnliches habe ich erfahren, wenn es darum ging, welche Fachrichtung eingeschlagen wurde. Bei den meisten habe ich gehört, dass sie sich ganz zufällig in einem Fachbereich etabliert hatten, weil dort ein Platz frei wurde oder weil der Chefarzt ein grosses Vorbild war. Wer beruflich schon mal in einem Klinikumfeld Erfahrungen machen konnte weiss, dass die Assistenzjahre nicht die einfachsten sind - man ist weder Fisch noch Fleisch. Man wird weder bei den Fach-, noch den Oberärzten wirklich wahrgenommen und ist oftmals ein lästiges Anhängsel der Pflegenden und muss Jobs machen, die sonst kein anderer machen will. Die Arbeitszeit liegt weit über einer 44 Stundenwoche. Wenn man Glück hat, bekommt man seine Anschlussstellen oder wird vom Chef protegiert und erhält eine Fellowship.



Was geht da in einem vor? Was treibt ein an und was lässt einem das häufige Getrenntsein seines Sozialumfeld aushalten?

Ärzte arbeiten rund um die Uhr mit und für den Menschen, müssen in jeder Situation eine lebenswichtige Entscheidung treffen, müssen ständig auf dem neusten Stand der Medizin sein, sollen Ansprechpartner für Pflegefachkräfte, Therapeuten, Kollegen, Angehörigen und Patienten sein. Müssen ihre normalen menschlichen Bedürfnisse im Notfall hinten anstellen und im Dienste des Medizin sein. Ich könnte diese Aufzählung noch unendlich weiterführen. Work Life Balance war der neue Lockstoff der Stellenanbieter.

Heisst es nicht, um eine ausgewogene Work Life Balance zu halten, ist ein intaktes und wohlwollendes Umfeld sehr wichtig: Ausreichend Schlaf, regelmässige Mahlzeiten, Bewegung an der frischen Luft und eine intakte, erfüllende Beziehung sind weitere Faktoren einer gelingenden Work Life Balance. Ich frage mich, wie soll das gehen oder vielmehr wann soll das in der Medizin noch gehen?


Diese Berufsgruppe, die über das Wohl der Menschen entscheiden soll, hat selber kaum die Möglichkeit sich gesund zu entwickeln.

Durch meine berufliche Tätigkeit kenne ich einige Ärzte, die mehrfach geschieden, suchtmittelabhängig, chronisch krank und verstorben sind, sich suizidiert haben, bankrott gegangen sind oder ohne ziemlich isoliert in Fernbeziehungen und ohne intaktes soziales Umfeld leben. Ich bin mir bewusst, dass es auch glückliche, erfolgreiche und sehr erfüllte Ärzte in ihrem Beruf gibt. Aber sein wir doch mal ehrlich, das grenzt unter diesen Bedingungen an ein grosses Wunder.


Wie hat sich das gesellschaftlich Ansehen dem Arztberuf gegenüber in den letzten Jahrzehnten verändert?

Früher war der Arzt eine angesehene Persönlichkeit, dessen Wort und fachliche Expertise einen Wert hatte. Ja, Herr Doktor, sicher Herr Doktor, war ein gängiges Vokabular. Er war ein geachteter Akademiker in unserer Gesellschaft. Ärztinnen waren eine Seltenheit und mussten sich den Respekt oft erkämpfen. Die ärztlichen Aufgabe bestanden grösstenteils in der Versorgung der Patienten und das oftmals als Allrounder, Ausbildner und Ansprechpartner für Angehörige, wissenschaftlicher Beirat und ärztlicher Direktor der Klinik. Ich zeichne hier absichtlich ein plakatives Bild eines Arztes, weil ich im Wesentlichen auf das Ansehen, die Entwicklung und die Wertschätzung unsere Gesellschaft eingehen möchte.


Was hat sich heute verändert? Mit was sieht sich die Berufsgruppe heute konfrontiert?

In Gesprächen mit Ärzten lasse ich mir bewusst viel Zeit, so dass mein Gegenüber erst mal reden kann. Was treibt ihn an, was waren bis dahin seine Erfahrungen, wo steht er jetzt und wo möchte er hin?


Was mir am Allermeisten auffällt ist, wie wenig eigene Bedürfnisse wahrgenommen werden. Wie wenig geschieht gesunde Abgrenzung, wie wenig oder manchmal zu viel Empathie ist vorhanden? Mit wie viel Druck gehen sie durch Leben? Wie wenig Erfahrungen sind vorhanden in Beziehung zu gehen und diese zu gestalten und auszuhalten. Wie wenig Raum lässt unsere Gesellschaft, die eigenen Erwartungen dem Arzt gegenüber mal zu hinterfragen?


Haben sie sich auch mal gefragt, wie es ist, sich in Zeiten von unbekannten Viren, tagtäglich ins Spital zu gehen und sich zu exponieren?

Jedes Mal, wenn man zur Arbeit geht, begibt man sich in Gefahr sich anzustecken. Der Gedanke sich selbst anzustecken wird oft ausgeblendet, denn das lernt man als erstes im Medizinberuf -- lass die Krankheit nie zu fest an dich heran. Stattdessen wird eine Dauerpräsenz erwartet und von der Gesellschaft als selbstverständlich angesehen. Das Trösten von Angehörigen, Patienten Mut machen, Leben retten, Gesundheit erhalten und sich seiner eigenen Hilflosigkeit gewahr werden, sind ebenfalls wichtige Aspekte des Arztberufes.


Haben sie sich mal gefragt, wie es ist, wenn man nach einem 10- bis 12-stündigen Dienst - das ist Normalität im Arztberuf - nach Hause geht? Hoffentlich ist da jemand der eingekauft hat, der die Wohnung aufgeräumt hat oder der einen liebevoll umarmt und begrüsst, noch etwas Zeit für den Partner, die Kinder, das Haustier oder den Sport hat. Dann gilt es noch schnell etwas zu essen, Körperpflege und ab ins Bett, weil der Wecker bald schon wieder klingelt und der neue Tag beginnt. So geht es fünf Tage die Woche und wenn man Dienst hat, können es auch mal sechs oder mehr Tage sein. Wo bitte schön, soll da noch Zeit sein für Muse, für zwischenmenschliche Begegnungen, für persönliches Wachstum?


Bei der Kaderselektion wird häufig ein Assessment verlangt. Ich fragte mich schon immer warum? Was will man da messen bei einer Chefarztposition? Für was braucht man da Diagramme, vorformulierte Textbausteine, die den Kategorien zugeordnet sind? Oder, wer will sich damit absichern? Wie kann man ein Assessment-Tool (häufig sind diese abgeleitet aus der Wirtschaft) bei einem Arzt anwenden, wenn es um die Stressoren geht?


Es ist doch ein himmelweiter Unterschied, wie jemand reagiert, wenn es an der Börse kracht, oder man einen Menschen nicht retten konnte.

Ob ich dann eine Rüge oder Verweis von meinem Vorgesetzten bekomme oder mich mit den trauernden Angehörigen, den eigenen Gefühlen des Versagens und vermeintlichen Sachverständiger auseinandersetzen muss, ist weiss Gott nicht dasselbe.


Welche Auswege bleiben den heutigen Ärzten in unserer Gesellschaft überhaupt noch?

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, viele lehnen die Verantwortungsübernahme mittlerweile kategorisch ab. Sie wollen erst gar nicht in dieses Fahrwasser kommen. Häufig sind es dann nichtärztliche Experten, die darüber bestimmen, ob ein Arzt gut gearbeitet hat, wo er noch besser hätte sein und was man noch mehr aus ihm hätte rausholen können. Die Messinstrumente der Nichtmediziner sind dann Parameter, wie Umsatz, Auslastung und Zeithorizont bis zur nächsten Zielerreichung.


Wann wird gemessen, wie zufrieden der Patient war, wie schnell die Erkrankung gefunden, behandelt und therapiert wurde? Wie wird gemessen mit viel Herzblut, Wissen und Techniken ein Arzt angewendet hat, um das Beste für den Patienten zu erwirken. Wo wird gemessen, dass Patienten durch unmoderne Infrastruktur der Institution oder einen schlechten Ruf oder durch zu hohe Personalfluktuation wegbleiben? Wo wird die Kooperationsbereitschaft zwischen Ärzteschaft und Verwaltungsorganen gemessen?


Hinzu kommt noch die Bundes -und Kantonsebene, welche darüber entscheidet, welche Ärzte arbeiten und sich niederlassen dürfen und welche nicht. Darüber lässt sich schon ein eigener Blogartikel schreiben.


Wann haben die Ärzte die Verantwortung für ihre Rolle in der Gesellschaft abgeben, sich ihrer Meinungsfreiheit berauben lassen, sich wirtschaftlich vor den Karren spannenzulassen, um dem Patienten genügend Geld aus den Rippen zu leiern um damit die Kliniken zu finanzieren? Da kommt mir das Bild des Autofahrers, der gleichzeitig mit Vollgas und angezogener Handbremse fährt. Was passiert in einem, wenn er sich dessen bewusst wird? Fühlt man sich dann ohnmächtig oder geht man mit dem Kopf durch die Wand? An dieser Stelle, wenn alle herkömmlichen Strategien nicht gefruchtet haben, beginnt man sich nach Alternativen umzuschauen.


Warum schreibe ich das oder finde es wichtig über dieses Thema zu schreiben? Ich bin keine Ärztin, arbeite aber seit fast 30 Jahren mit ihnen zusammen. In den ersten Jahren als Dipl. OP-Fachfrau, im OP und in der Notfallambulanz und seit über 15 Jahren in beratender Funktion. Gerade heute, in der Zeit der Pandemie, scheint sich ein neues Gesellschaftsbild zu entwickeln. Durch meine jahrelange Tätigkeit und zahlreichen Interviews mit Ärzten, habe ich mir mein eigenes Bild machen können.


Was ich da gehört und erfahren habe, hat in mir ein grosses Verständnis für den Beruf als Arzt hervorgerufen – und noch mehr für den Menschen hinter der Rolle.

Beim nächsten Arztbesuch möchte ich den Menschen und seine Leistung wertschätzen, ihm mit Achtung und Respekt begegnen. Das Gleiche gestehe ich mir ebenfalls zu, denn wir alle sind die Erschaffer unseres Lebens und tragen die alleinige Verantwortung für das Gelingen eines erfüllten Lebens.


*Der Einfachheit halber verwende ich in diesem Artikel die männliche Form. Immer sind damit beide Geschlechter gemeint.

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